ADHS und Hyperaktivität erkennen

adhs.hyperaktivitätAktive Kinder haben in der Gesellschaft, wie sie sich heute vielfach darstellt, häufig nicht die Möglichkeit, sich richtig zu entfalten. Rennen, Schreien und Toben ist in vielen Bereichen nicht erwünscht, schnell wird dann laienhaft die Diagnose ADHS beziehungsweise Hyperaktivität in den Raum gestellt. Allerdings dies deutlich seltener der Fall als allgemein angenommen.

Kein neues Phänomen

Zappelnde Kinder gibt es aber nicht erst seit wenigen Jahrzehnten: Schon 1845 schrieb der Arzt Heinrich Hoffmann das bekannte Buch Struwwelpeter. In den Geschichten über unartige Kinder finden viele Eltern ihren Nachwuchs wieder. 1932 wird die Auffälligkeit von Hans Pollnow und Franz Kramer als hyperkinetische Erkrankung beschrieben, ab 1960 taucht immer wieder der Begriff Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD) auf, wenn ADHS umschrieben wird.

Genauso wie der Zappel-Philipp auf seinem Stuhl hin und her rutscht, um letztendlich mit dem gedeckten Tisch umzufallen, können viele Kinder auch heute nicht still am Tisch sitzen. Allerdings sollte das ständige Zappeln nicht als ein besorgniserregendes Symptom angesehen werden, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung (BAG) gemeinsam mit der Universität Saarland herausgefunden hat: Durch die häufigen Bewegungen wird sowohl die Konzentration als auch die Aufmerksamkeit gesteigert. Da Haut und Muskeln durch die Aktivität stärker durchblutet werden, gelangt mehr Sauerstoff ins Gehirn – eine bessere Leistung ist möglich.

Krankheit oder Störung?

Bei Kindern, die nicht still sitzen können, wird vorschnell der Begriff ADHS ins Spiel gebracht. Es handelt sich dabei um das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Ob es sich dabei um eine Krankheit handelt oder das Kind lediglich nicht adäquat auf die immer stärker werdenden Reize der Umwelt reagieren kann, scheint noch nicht klar. Der Heidelberger Kinderpsychiater Helmut Bonney, der sich auf die Behandlung von ADHS-Kindern spezialisiert hat, ist zumindest kritisch, was den Umgang mit der vermeintlichen Krankheit angeht. Für ihn sind die Rahmenbedingungen, unter denen ein Kind aufwächst sehr wichtig, denn dort wird festgelegt, wann die Ablenkbarkeit eine Belastung wird. Gemeint sind nicht nur das Elternhaus, sondern auch die Schule und die weitere Umwelt, in der sich das Kind aufhält. Der Psychologe Edmund Sonuga-Barke ist der Meinung, dass die sogenannten ADS-Kinder bei einem Aufmerksamkeitstest sogar besser abschneiden können, wenn ihre Motivation ausreichend hoch ist.

Medikamente oder Aufmerksamkeit

Andere Ärzte gehen anscheinend nicht so kritisch mit der Diagnose ADHS um. So ist die Zahl der Kinder, denen diese Störung bescheinigt wird, seit 2006 um mehr als 40 Prozent gestiegen. Der Berufsverband Deutsche Psychologinnen und Psychologen (BDP) geht davon aus, dass auffällige Kinder zu schnell diesen Stempel aufgedrückt und eventuell entsprechende Medikamente verschrieben bekommen

Ursachen für Hyperaktivität

Warum es bei einigen Kindern zu einer gestörten Aufmerksamkeit kommt, ist bisher noch nicht abschließend festgestellt worden. Anita Thapar und ihre Kollegen haben 2010 herausgefunden, dass das Erbgut der betroffenen Kinder ein Merkmal aufweist, das bei gesunden Kindern nicht festzustellen ist. Zumindest zu einem Teil ist die Störung damit genetisch bedingt. Außerdem scheint eine Störung im Gehirn vorhanden zu sein, da dafür sorgt, dass Hormone nicht in der richtigen Menge ausgeschüttet werden beziehungsweise die Regulation fehlgeleitet wird. Die Erziehung hingegen soll keinen Anteil an der Entwicklung haben, wie anhand von Studien erkennbar ist.

Hinweise auf ADHS

schüler.kind.aufmerksamkeitFür Eltern kann es schwer sein, bei ihrem Kind zu erkennen, ob eine Hyperaktivität vorliegt oder ob ihr Kind lediglich ein aktives Exemplar ist. Die Arbeitsvereinigung der Sozialhilfe Kärnten mit ihren Sozial- und Gesundheitszentren zeigt verschiedene Auffälligkeiten bei Kindern, die auftreten können. Wichtig ist für Eltern zu wissen, dass nicht alle Symptome vorhanden sein müssen; jedes Kind wird individuell betrachtet, erst das Zusammenspiel der Symptome ergibt die Diagnose.

 

Vielleicht ist das Kind beim Spielen sehr wild oder kann nicht abwarten. Es braucht ständig ein neues Programm und kaut vielleicht an den Fingernägeln. Beim Sozialverhalten fällt auf, dass es beispielsweise

  • die auferlegten Grenzen austestet.
  • häufig provoziert.
  • nur eine geringe Frustrationsgrenze hat.
  • oder sich ungerecht behandelt fühlt.

Eltern, die eine Routine einstellen wollen, werden unter Umständen Probleme haben, ihrem Nachwuchs das Waschen der Hände vor dem Essen oder das Zähne putzen morgens und abends beizubringen. Möglich ist außerdem, dass das Kind häufig Dinge verliert, sich nicht gerne anfassen lässt oder Störungen im Schmerzempfinden hat. Vielleicht ist es sehr schmerzempfindlich oder es nimmt Verletzungen erst relativ spät war.

Diagnose bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen kann ebenfalls Hyperaktivität festgestellt werden. Allerdings haben sie oft im Laufe ihres Lebens gelernt, sich mit ihren Gefühlen zu arrangieren und sich so weit unter Kontrolle zu haben, dass sie ihr Leben meistern. Je nach Ausprägung kann das Leben in dieser Form jedoch sehr anstrengend und aufreibend sein, sodass sie erleichtert sind, die Diagnose zu erhalten und nun wissen, dass sie Hilfe erhalten können. Typische Attribute, die mit einem erwachsenen Betroffenen in Verbindung gebracht werden, sind:

  • Impulsivität
  • Vergesslichkeit
  • Zerstreutheit
  • Eigensinnigkeit
  • Mangelndes Selbstwertgefühl.

Checklisten richtig anwenden

Im Internet gibt es zahlreiche Checklisten, anhand derer Eltern einen Eindruck erlangen können, ob die Möglichkeit besteht, dass das Kind an ADHS leidet. Beispielsweise bei Stehaufmaennchen.at sollen Eltern einschätzen, ob folgende Aussagen auf ihr Kind zutreffen:

  • Es wird in der Schule mit den Aufgaben nicht rechtzeitig fertig.
  • Es notiert sich in der Schule nicht, welche Hausaufgaben gemacht werden müssen.
  • Bei der Erledigung der Hausaufgaben gibt es Streit.
  • Es verliert häufig seine Sachen.
  • Das Kind scheint seine Eltern oft nicht wahrzunehmen.
  • Es kann Grenzen nicht einhalten.
  • Wird ein Spiel gespielt, muss es oft unterbrochen werden.
  • Beim Essen bleibt es nicht sitzen.
  • Das Kind wird schnell wütend, wenn es seinen Willen nicht durchsetzen kann.
  • Es ist sehr chaotisch.
  • Es lässt sich leicht ablenken und kommt dann schwer wieder zurück in die Konzentration.
  • Das Kind muss oft erinnert werden, Dinge zu tun.
  • Es macht häufig Fehler.
  • Der Nachwuchs braucht generell viel Zeit und trödelt, um Aufgaben zu ledigen.
  • Er kann sich nicht alleine beschäftigen.
  • Er stört die Eltern, wenn sie Besuch haben
  • Und redet beim Telefonat dazwischen.

Treffen mehr als vier Aussagen auf das Kind zu, kann ein Besuch beim Fachmann hilfreich sein. Nur aufgrund von vier „Ja“ von ADHS zu sprechen, wäre allerdings verfrüht. Der Experte wird sich das Kind in seiner Gesamtheit ansehen und sich mit ihm unterhalten.

Kritik an häufiger Diagnose

Der BDP spricht sich dafür aus, dass anstatt der Gabe von Medikamenten eine ganzheitliche Therapie stattfindet, die auf vielen Ebenen ansetzt. Je nach Ausprägung und Erscheinungsbild können psychotherapeutische, pädagogische und/oder medikamentöse Maßnahmen eingesetzt werden. Problematisch sieht der Vorsitzende der Sektion Klinische Psychologie im BDP Henri Viquerat, dass die Diagnosen oft von Ärzten gestellt werden, die keine spezielle Ausbildung erhalten haben. In anderen Fällen wird die Störung einfach übersehen und die Kinder erhalten keine adäquate Behandlung. Damit die Diagnose rechtzeitig gestellt werden kann, sollten Eltern sich an Früherkennungszentren oder Einrichtungen wenden, in denen Ärzte gemeinsam mit Psychologen, Ergotherapeuten und anderen Berufen zusammen arbeiten. Kinderärzte oder Kinderpsychologen, die sich auf die Behandlung von ADHS-Kindern spezialisiert haben, sind ebenfalls eine gute Anlaufstelle.

Marburger Konzentrationstraining bis zur Pubertät

Mit Erfolg angewendet wird bei Hyperaktivität das Marburger Konzentrationstraining (MKT). Hier wird im Laufe der Zeit vermittelt, wie die Kinder ihre Konzentration steigern und damit Aufgaben schneller lösen können. Gleichzeitig wird es selbstständiger, was ihm in seinem weiteren Leben helfen wird. Die kognitive Verhaltenstherapie spielt bei dieser Maßnahme eine wichtige Rolle, die in fünf Stufen verläuft.

Das Kind lernt, sich beim Lösen von Aufgaben Anweisungen zu geben. Um ihm zu verdeutlichen, wie die Vorgehensweise ist, führt der Trainier es ihm vor, in dem er laut zu sich spricht und sich Anweisungen gibt. Im zweiten Schritt ist das Kind dran: Es führt die Aufgabe durch, der Trainer ist es jedoch, der die Anweisungen laut sagt. Danach spricht es mit sich und führt die Übung durch. Danach werden die Instruktionen nur noch geflüstert, bis sie schließlich in Denken übergehen. Das MKT kann ungefähr bis zum Einsetzen der Pubertät durchführt werden und sollte dann von anderen Lerntechniken abgelöst werden.

Richtiger Umgang mit dem Kind

Bei der Therapie ist zu beachten, dass nicht nur das Kind und seine Eltern, sondern auch das soziale Umfeld einbezogen werden. Der Betroffene verbringt viel Zeit mit seinen Freunden und Lehrern, sodass es sinnvoll ist, wenn die entsprechenden Personen von den Eltern instruiert werden. In der Therapie erfahren die Vater und Mutter, wie sie am besten mit ihrem Nachwuchs umgehen können, sodass das Miteinander entspannt und friedlich bleibt.

  • Verhält sich das Kind positiv, ist es wichtig, dass es gelobt wird. Die Motivation wird dadurch gestärkt. Da es häufig unter einem geringen Selbstwertgefühl leidet, wird es gleichzeitig gestärkt.
  • Bei negativen Reaktionen ist es wichtig, dass die Eltern ruhig bleiben, das Kind aber trotzdem Konsequenzen erfahren sollte. Sind Eltern hier inkonsequent, wird der Nachwuchs nicht lernen, Regeln einzuhalten.
  • Der Tagesablauf eines betroffenen Kindes sollte gut strukturiert werden. Die gemeinsamen Essen, Hausaufgaben, mit Freunden spielen und abends ins Bett gehen, sollten zu festen Zeiten stattfinden, damit dem Kind ein Rahmen gegeben wird, an dem es sich orientieren kann.
  • Um die Aufmerksamkeit im Gespräch zu bekommen, ist es ratsam, Körperkontakt aufzunehmen. So können beispielsweise die Hände gehalten werden, während es angesprochen wird.
  • Die Sätze sollten leicht verständlich formuliert werden. Lange und verschachtelte Konstruktionen brauchen viel Konzentration, die wahrscheinlich nicht geleistet werden kann.
  • Mit komplexen Situationen sind die Kinder häufig überfordert. Die Aufforderung, die Hausaufgaben zu erledigen, kann bereits zu viel sein. Stattdessen geben Eltern ihnen kleinere Aufgaben an die Hand: Den Text lesen, eine Grammatikübung ausfüllen und anschließend Textaufgaben für den Matheunterricht erledigen – ein Schritt nach dem anderem.
  • Das Haus und vor allem das Kinderzimmer sollten so eingerichtet sein, dass möglichst keine Reizüberflutung stattfindet. Grelle Farben, bunte und viele Bilder sowie viele Dekorationsartikel sollten vermieden werden, da die Reize oft nicht verarbeitet werden können. Ruhige Farben und klare Linien sind stattdessen zu bevorzugen.
  • Kinder, die sich viel bewegen möchten, sollten die Möglichkeit dazu bekommen. Gut geeignet sind asiatische Kampfkünste, da sie sich hier auspowern können, gleichzeitig aber lernen, sich zu konzentrieren.

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