Sitzenbleiben abschaffen – ja oder nein?

Jeder, der einst die Schulbank gedrückt hat, erinnert sich wohl ein Leben lang an diese einzigartige Zeit. Die einen verbinden die Schule mit durchwegs positiven Gefühlen, die anderen möchten gar nicht erst daran erinnert werden. Zu den negativen Erfahrungen zählt auch die Angst, nicht versetzt zu werden. Während die fleißigeren Schüler bangen, wie gut die Zeugnisnoten wohl ausfallen werden, fürchten sich die weniger Fleißigen oder Benachteiligten davor, sitzenzubleiben. Wie werden die Eltern reagieren, wenn das Schuljahr wiederholt werden muss? Ob es als konstruktiv einzustufen ist, dass Schüler bei mangelhaften Leistungen nicht versetzt werden, daran scheiden sich die Geister. Sollte also das Sitzenbleiben abgeschafft werden – oder trägt es im Positiven dazu bei, dass Schüler zukünftig mehr leisten?

Vorrücken – Aufsteigen – Promotion – oder Sitzenbleiben?!

Unter dem Begriff „Versetzung“ wird das am Ende eines Schuljahres erfolgende Aufrücken eines Schülers in die nächsthöhere Klassenstufe verstanden. In Bayern wird dieser Umstand auch als Vorrücken bezeichnet, in Österreich spricht man von dem Aufsteigen und in der Schweiz von Promotion. Wird ein Schüler nicht versetzt, ist vom Sitzenbleiben die Rede – das Schuljahr muss in diesem Sinne wiederholt werden. Nun stellt sich die Frage, ob es richtig bzw. von Vorteil ist, dass Schüler einer derartigen Situation ausgesetzt werden. Sie werden nämlich auch der gewohnten Klassengemeinschaft entzogen und müssen sich – abgesehen von den Lerninhalten – in eine neue Schulklasse integrieren.

Befürworter und Gegner

Die Befürworter des Sitzenbleibens sind der Meinung, dass ein sinnvoller Unterricht nur dann möglich sei, wenn alle Schüler einer Klasse in intellektueller Hinsicht ein einheitliches Niveau besitzen. Schüler, die große Defizite aufweisen, seien nicht dazu in der Lage, die darauf aufbauenden komplexeren Unterrichtsinhalte zu erfassen. Das Wiederholen des Schuljahres stelle zudem eine Chance für die Schüler dar, ihr Niveau zu verbessern. Wo es Befürworter gibt, da gibt es auch Gegner. Diese vertreten die Auffassung, dass eine homogene Leistungsfähigkeit innerhalb einer Klasse eine Utopie darstelle. Schüler, die dazu gezwungen werden, ein Jahr zu wiederholten, würden der Gefahr ausgesetzt, den Anschluss zu verlieren und schon im Jahr nach der wiederholten Klasse erneut auf ihr altes Leistungsniveau zurückzufallen. Des Weiteren sei diese Praxis dafür verantwortlich, schlechte Schüler zusätzlich zu demotivieren.

Wann bleibt ein Schüler in Österreich sitzen?

Nur Schüler, die im Jahreszeugnis in den Pflichtgegenständen eine positive Beurteilung haben, sind zum Aufsteigen in die nächsthöhere Schulstufe derselben Schulart berechtigt. Schüler aber, die im Jahreszeugnis in einem Pflichtgegenstand die Note „Nicht genügend“ erhalten, sind trotzdem zum Aufsteigen berechtigt, wenn

  • der betreffende Pflichtgegenstand nicht schon im Jahreszeugnis des vorhergegangenen Schuljahres mit „Nicht genügend“ beurteilt wurde,
  • der betreffende Gegenstand in einer höheren Schulstufe lehrplanmäßig vorgesehen ist (nicht gültig für Berufsschulen),
  • die Klassenkonferenz die Auffassung vertritt, dass der Schüler aufgrund der Leistungen in den übrigen Pflichtgegenständen am Unterricht voraussichtlich in der nächsthöheren Schulstufe erfolgreich teilnehmen wird.

Wenn ein Schüler mit einem „Nicht genügend“ in die nächsthöhere Schulstufe aufsteigt und im folgenden Jahr im selben Fach erneut ein „Nicht genügend“ erhält, ist ein neuerliches Aufsteigen aufgrund eines Konferenzbeschlusses unmöglich. In diesem Fall muss zu einer Wiederholungsprüfung angetreten und diese bestanden werden, sodass eine Versetzung bewirkt werden kann. Schüler, die ein „Nicht genügend“ im Jahreszeugnis haben, sind dazu berechtigt, zu Beginn des folgenden Schuljahres eine Wiederholungsprüfung abzulegen.

Das Sitzenbleiben und die Politik

Ob in Deutschland oder in Österreich: In den Medien wird diese Thematik immer wieder aufs Neue aufgegriffen, was verdeutlicht, dass diesbezüglich immer wieder Debatten abgehalten werden. Pädagogen und Schüler, Lehrer, Politiker und Experten aller Art äußern sich dazu oft sehr unterschiedlich. So war im März 2013 davon die Rede, die rot-grüne Landesregierung wolle in Niedersachsen das Sitzenbleiben abschaffen und auch in Bayern stellten Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) den Sinn der Ehrenrunde generell in Frage; für die Schulämter ist das Sitzenbleiben ein notwendiges Übel. Doch auch in Österreich wurde das Sitzenbleiben von den Politikern immer wieder diskutiert, so wollte die SPÖ im Jahr 2006 das Sitzenbleiben abschaffen und 2011 stellte die Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) die angekündigte stufenweise Umstellung von AHS-Oberstufe und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) auf ein Kurssystem vor, wodurch das Sitzenbleiben der Vergangenheit angehören sollte.

Automatisch aufsteigen oder doch sitzenbleiben?

Das Sitzenbleiben stellt kein deutsches oder österreichisches Spezifikum dar, das automatische Aufsteigen in die nächsthöhere Klasse ist bislang nur in wenigen Ländern wie Island oder Norwegen Usus. Österreich liegt mit rund neun Prozent im Mittelfeld in Bezug auf den Anteil an Schülern, die bis zum 15. Lebensjahr mindestens einmal eine Klasse wiederholt haben: Rund 40.000 Schüler pro Jahr sind nicht aufstiegsberechtigt. Etwa zwei Drittel von ihnen wiederholen also tatsächlich eine Klasse, wobei das laut diverser Studien oftmals keineswegs zu besseren Leistungen führt.

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